Archiv für Februar 1st, 2008
„Möge 2008 das Jahr der Annäherung sein“
Islamische Ahmadiyya-Gemeinde Hamburg:
Einladung der Bürgerschaft zu Neujahrsempfang und Opferfest
Heike Soleinsky
Abraham träumte wiederholt, dass er seinen Sohn schlachte. Er fragte seinen Sohn, was jener meine, was das zu bedeuten habe. Der Sohn sagte: “ Tue, wie Dir befohlen. Du sollst mich, so Allah es will, standhaft finden.“ Das ist die deutsche Übersetzung einiger Verse aus dem Koran, die Rehan Umer Din zuvor sehr schön vorgesungen hat. Darin waren Vater und Sohn zu großen Opfern bereit,

(Abdullah Uwe Wagishauser, Vorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland wuchs christlich auf)
doch bevor Abraham tatsächlich seinem Sohn das Leben nahm, wurde ihm gesagt, dass er bereits den Willen Gottes erfüllt hatte. Beim islamischen Opferfest wird an den Propheten Abraham (Ibrahim) und an sein Gottvertrauen gedacht. Die islamische Ahmadiyya-Gemeinde in Hamburg lud Gäste aus der Hamburger Bürgerschaft und aus Diplomatenkreisen ein, gemeinsam mit ihnen das Opferfest und das Neujahresfest zu feiern.
Anders und doch nah beieinander
Das islamische Jahr hat aufgrund des islamischen Mondkalenders rund zehn Tage weniger als das gregorianische Jahr, sodass es im kalendarischen Jahr auf unterschiedliche Tage fällt. Das muslimische Neujahr beginnt dieses Jahr am 9. Januar mit Sonnenuntergang. Das heißt, sobald man den Mond sehen kann, hat schon der neue Tag und damit auch das neue Jahr angefangen. Dann wird man das islamische Jahr 1429 zählen, die islamische Zeitrechnung beginnt mit der Hidschra, der Auswanderung des Propheten Muhammad nach Mekka – doch wird diese Zeitrechung im Alltag kaum benutzt.
An diesem Neujahresempfang werden also Sylvester und das muslimische Opferfest gefeiert. „Wir feiern eigentlich das islamische Neujahr nicht“, klärt der Pressesprecher des Ahmadiyya Muslim Jamaat e.V., Herr Fazlur Hmwar, auf. Das Opferfest ist das höchste islamische Fest und dauert vier Tage an. Im Jahr 2007 wurde es vom 19. bis 22. Dezember gefeiert.
Der eingeladene Islamwissenschaftler Professor Dr. Udo Steinbach hofft, dass man die zeitliche Nähe des höchsten islamischen Festes zum christlichen Weihnachtsfest als Zeichen für eine Annäherung der Kulturen im Jahre 2008 sehen kann.
Liebe für alle – Hass für keinen
Die Ahmadiyya ist eine muslimische Glaubensgemeinschaft mit Millionen von Anhängern in 189 Staaten und Moscheen in allen Teilen der Welt. Die Fazl-e-Umar Moschee in Hamburg-Lokstedt gehört der Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ). Die Ahmadis verstehen den Islam als ein Bekenntnis zum Frieden unter den Mitmenschen, zwischen Mensch und Gott, und Frieden mit sich selbst. Sie distanzieren sich von allen Terrorakten. „Liebe für alle – Hass für keinen“ ist der Leitspruch der AMJ.
Das passt kaum zu den Nachrichten über fanatische Anhänger des Islams. Sind die Ahmadis die besseren Muslime? „Mohammed hatte prophezeit, dass eines Tages ein Messias und Mahdi1) erscheinen würde. Der Messias und Mahdi ist erschienen; wir haben ihn akzeptiert und glauben an ihn“, sagt Hmwar, „aber wir können nicht garantieren, dass Ahmadis bessere Menschen sind als Nicht-Ahmadis.“
Glaube an den Messias
Gegründet wurde die Ahmadiyya 1889 von die Mirza Ghulam Ahmad in Indien als Reformbewegung innerhalb des Islams. Dass Mirza Ghulam Ahmad im Jahre 1891 verkündete, dass er der Verheißene Messias sei, brachte ihm sowohl Gemeindemitglieder als auch eine Menge Spott ein. Ahmadis werden seit Jahrzehnten von anderen Muslimen verfolgt, in den letzten drei Jahren sogar ermordet. Am 7. Dezember 1974 wurde die Ahmadiyya Muslim Gemeinde von der pakistanischen Regierung per Gesetz zu Nicht-Muslimen erklärt.
Der Deutsche Abdullah Uwe Wagishauser wurde in einer christlichen Familie geboren. Bevor er dem Islam und der Ahmadiyya Muslim Jamaat beitrat, verstand er sich in den 70er Jahren als Buddhist und wollte den Buddha Maitreya2) finden. Zu glauben, dass jemand, der Nachfolger von Jesus, Mohammed oder Buddha sei, wird fast automatisch abgelehnt. Obwohl sich westliche Kinder, als sie im Religionsunterricht die Geschichte von Jesus hörten, ziemlich sicher waren, dass sie Jesus nicht verkannt und ein Wunder von ihm gefordert hätten zum Beweis, dass er Gottes Sohn sei. Und dann gibt es noch jene, die meinen, weder einen Jesus, Messias oder Buddha gebrauchen zu können, da ihre große weltliche Macht empfindlich dahinschwinden würde, wenn immer mehr Menschen sich auf geistige Werte besinnen.
Fanatiker können alles missbrauchen
Wie leicht könnte die Geschichte von Abraham und seinem Sohn Ismael von schlechten Menschen verdreht und missbraucht werden, um einem Muslimen zu „beweisen“, er müsse bereit sein, einen anderen zu töten, selbst wenn er es im Inneren nicht für richtig hält? Hmwar sagt dazu: „Damit, dass Gott dieses Missverständnis richtig stellte, dass Abraham nicht das Leben seines Sohnes Gott opfern sondern nur widmen sollte, ist auch ganz klar, dass man keine Menschen opfern soll, das macht man nicht“, und er fügt nach kurzem Überlegen hinzu: „Aber Fanatiker könnten alles missbrauchen, dafür braucht man keine Lehre.“
Frei unter dem Kopftuch
Es sind drei Buffets aufgebaut, so dass es sich ergibt, dass die muslimischen Damen an einem Buffet fast unter sich sind. Ab und an huscht ein Mann vorbei, um die exotischen Leckereien aufzufüllen und nicht mehr benutztes Geschirr abzuräumen. Das Essen wurde von den Männern zubereitet, verrät mir Shafi Iqbal, das machen sie immer bei großen Veranstaltungen, denn das sei ja „Knochenarbeit“. Die Atmosphäre bei den Frauen ist offen, herzlich und heiter. Da die Damen vor dem Essen während der Grußworte der Ehrengäste auch schon an Tischen ohne Männer saßen, befrage ich Sadaf, eine junge muslimische Studentin, nach der scheinbar strengen Trennung von Männern und Frauen. Doch „streng“ war schon nicht das richtige Wort. Die Frauen seien einfach gern unter sich, und „manche Dinge kann man mit den Männern einfach nicht so gut besprechen“, sagt sie. Zum Beispiel die Frage nach dem Kopftuch, dazu können diejenigen, die selbst eines tragen, einfach mehr sagen.
Das Thema sei aber ungezwungen. Jede trage das Kopftuch anders, zeigt sie mir. Manche bedecken die Nase, manche tragen nur einen leichten Schleier auf dem Haar. Sadaf selbst hatte mit 12 Jahren beschlossen, ein Kopftuch zu tragen und sei auch auch in der schwierigen Zeit der Pubertät immer respektvoll behandelt worden. Sadaf kam nie auf die Idee, Kalorien zu zählen oder sich Sorgen um ihre Figur zu machen. Somit hat sie ihren Kopf frei für andere Dinge – zum Beispiel auch, um über das Christentum zu lesen. Sie merkt an, dass die Christen damals mit den Kreuzzügen bei den Menschen anderer Kulturen sicher einen ebenso befremdlichen Eindruck hinterlassen haben, wie es heute fanatische Muslime tun. Bei ihr hat Jesus diesen schlechten Eindruck wieder wettgemacht: „Als ich die Bergpredigt las, da dachte ich: Wow!“
Quelle: Epoch Times Deutschland
Portrait: Hadayattullah Hübsch
Probier dich aus!
Seinem Leben als radikaler Achtundsechziger ließ Beatnik Paul-Gerhard Hübsch hinter sich, konvertierte zum Islam und wurde Imam. Über einen Mann, der bis heute schwer einzuordnen bleibt.
VON ANDREAS FANIZADEH

Einst lebte er Kommune 1, jetzt predigt er in der Nuur-Moschee: Hadayattullah Hübsch. Foto: Berd Bodtländer
Die S-Bahn rattert von Frankfurts Innenstadt nach Hoechst. Auf die grüne Sitzbank ist mit schwarzer Farbe „SA“ geschmiert, in die Fenster filigran „UÇK“ und „PKK“ eingeritzt. Industrie- und Gleisanlagen wechseln sich mit Arbeitersiedlungen, Reihenhäuschen und Schrebergärten ab. Bevor Hoechst nach Frankfurt am Main wuchs, wuchsen einige ältere hessische Dörfer nach Hoechst. Und in einem solchen – Fachwerk vor Fabrikschlot – in Zeilsheim wohnt Hadayatullah Hübsch. In einem Häuschen am Dorfrand, zusammen mit seiner aus Indien stammenden Ehefrau und ihrem fast erwachsenen jüngsten von sieben Kindern.
Hadayatullah Hübsch führt den Gast ohne Umstände die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer. Seine „Klause“, das ist ein kleiner Raum im ersten Stock unterm Dach, voll gestopft mit Bildern, Platten, Büchern, Teppichen, Orientalismen, Erinnerungsstücken aus den Sechzigern und Siebzigern, im Grunde ein akkurat eingerichtetes modernes Antiquariat.
Der schriftstellernde Imam, so viel ist auf den ersten Blick klar, kann sich nur schwer von alten Funden trennen. Ein kommunikativer Typ, dieser Gastgeber, er will zeigen, was er für Schätze hat. Während der Besucher noch die Umgebung sondiert, beginnt Hübsch längst seine aufgetürmten Stapel hin und her zu räumen. Das Collagieren sei ihm eine große Beruhigung, sagt er, und hält mir einen Packen seiner neuen Bilder unter die Nase; noch dieses Jahr sollen sie im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt ausgestellt werden.
Öffentlichkeit ist das Lebenselixier eines sich bis heute weithin verkannt fühlenden Beatnikschriftstellers. Ein Mann, dem Günter Grass in den Sechzigern eine große Karriere prophezeite, dem aber die Launen der Revolte einen fetten Strich durch die Rechnung machten. Aus dem Luchterhand-Literaten und Beatnikrebellen wurde ein militanter Dropout, ein radikaler Hippie und dichtender Pillenwerfer.
In den Siebzigerjahren, die wilde Zeit ebbte ab, wandelte sich der libertäre Wortführer des existenzialistischen Voluntarismus in einen spirituell geläuterten Anhänger des Ahmadiyya-Islam, einer Reformbewegung. Das war eine Sensation, die Szene hatte schon viel gesehen, aber das noch nicht: Islam? Manche der radikalisierten Freunde zog es in den Untergrund, aber der verrückte Paul-Gerhard Hübsch ging ins einzige islamische Gotteshaus Frankfurts zum Beten. Schließlich änderte er seinen Vornamen in Hadayatullah – der von Gott Geleitete. Veröffentlicht hat er in all den Jahren auch weiterhin Gedichte und journalistische Texte, wo man ihn ließ: in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kleinen Anarchoverlagen oder islamischen Medien. Das Blatt der altbürgerlichen Szene jedenfalls kündigte Hübschs Engagement, als der wie Tausende anderer Bürger Ende der Siebziger vor dem Bau der Startbahn West am Frankfurter Flughafen warnte.
„Machen Sie sich bitte über die Gestaltung der Zeitung für Frankfurt keine weiteren Gedanken“, schrieb ihm 1979 der FAZ-Redakteur Erich Helmensdorfer. Bei Hübsch hörte für Helmensdorfer der Spaß auf: „Ihre Behauptungen über Berichte von der Jugend sind unzutreffend. Ich halte es nicht für möglich, dass die FAZ einen freiberuflichen Mitarbeiter im Namen der Zeitung beschäftigt und damit in der Öffentlichkeit auftreten lässt, der in persönlichem Habitus und Umgang eine außergewöhnliche, jeglichen bürgerlichen Rahmen des Abendlands sprengende Erscheinung ist.“ Eine schmerzliche Erfahrung, wie Hübsch noch heute meint, nach acht Jahren als Autor abserviert zu werden. Ausgleichende Kräfte waren im Frankfurt der Straßenschlachten wenig gefragt.
Und da steht sie also nun in seiner Kruschtelkammer, die „jeglichen bürgerlichen Rahmen des Abendlands sprengende Erscheinung“, ein freundlicher, bärtiger, inzwischen 62 Jahre alter Herr, der sich unschlüssig scheint, ob der Besucher aus Berlin auch den US-amerikanischen Komikeinfluss in seinen Bildcollagen richtig erkenne – etwa Hulk, Mickymaus, Buffalo Bill. Nichts scheint einem Hippie der ersten Stunde unangenehmer, als für kulturell antiamerikanisch gehalten zu werden. Er, 1946 geboren, der sich die frühe Bundesrepublik, Mief und wieder Mief, ohne Reedukation, Pop n Roll lieber nicht vorstellen möchte.
Der prominente Achtundsechziger ist, oberflächlich betrachtet, jedoch nicht immer leicht einzuschätzen. Aufschäumende Kritik linker Provenienz hat dem unorthodoxen Konvertiten eingetragen, dass er sich in der Vergangenheit wiederholt auf rechtsextreme Publikationen eingelassen hat. Nein, er ist kein zweiter Horst Mahler, der von RAF über die APO („Außerparlamentarische Opposition“) zur NPD wechselte, nur sprach und spricht Hübsch halt auch immer wieder mit Rechten.
Durch das Haus zieht ein appetitanregender Geruch von indischen Gewürzen, anscheinend wird im Parterre pausenlos geköchelt. Hübsch, unterwegs in Strümpfen, trägt ein Tablett mit Kaffee, Keksen sowie kleinen Kebabs mit Minzjoghurtsauce herein und stellt es auf den Teppichboden. Der Imam ist immer noch ein Hippie, aber ein halbwegs zur Ruhe gekommener. Für seine Freunde ist er der wissende Humanist, der sich, wie etwa auf der christdemokratischen Seite der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, als ein Provokateur im Geiste der Aufklärung versteht. Für seine Kritiker bleibt er ein gefährlicher Scharlatan, dem man Haus- und Sprechverbote erteilen müsse.
Hübsch sagt, er sei vor einigen Jahren „blauäugig in die Geschichte“ mit der Jungen Freiheit gegangen. Das ist das führende Medium der deutschen Neuen Rechten, in der er sich als Imam immer wieder zu Wort meldete. Vor vier Jahren warb er dort um Verständnis für den Neubau von Moscheen und der Integration aus anderen Kulturen Zugewanderter. Er beteuert, immer sei sein Ziel gewesen, „den Hass vom Islam wegzunehmen“, eben auch im Gespräch mit rechtsextremistischen Medien.
Von Hass sehe sich die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde immer wieder bedroht. Nun werde er aber in Flugblättern wie kürzlich bei einer Lesung in Köln selbst als Rechtsaußen bezeichnet, und in Berlin durfte er nicht im taz-Café diskutieren. Auch Bert Papenfuß, Ostberliner Poetenkollege und Mitbetreiber des Kaffee Burger, habe ihn nach Pressalien von der sogenannten Basis („Wir sind ein linksradikales Kneipenkollektiv“) ebenfalls wieder ausgeladen. Und das scheint nun auch dem friedfertigen Herrn Hübsch alles etwas zu weit zu gehen.
Er ist um Kurskorrektur bemüht, obwohl er weiterhin für sich in Anspruch nimmt, mit den Rechten nur in aufklärerischer Absicht gesprochen zu haben. Als Imam Dschuma (Leiter der Freitagspredigt) in der Frankfurter Nuur-Moschee sieht er sich jenseits klassischer Zuordnungen von dem, was links ist und was rechts. Jahrelang habe er als Sprecher der Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland „den Islam gegen stereotype Anwürfe“ zu verteidigen gehabt.
Tatsächlich wurde noch jeder Moscheenbau der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde in Deutschland von Protesten begleitet. Und wie das so ist: Die meisten Vorurteile lösten sich durch Kennenlernen in aller Regel rasch wieder auf. Die plötzlich auftretenden Sorgen alteingesessener Bürger sind zumeist anders zu bewerten als die Angriffe organisierter Rechtsradikaler. Könnten sich Letztgenannte durch Gespräche wie mit Hübsch ernst genommen, ja bestärkt fühlen? Hübsch sagt, heute empfände er es als Fehler, sich publizistisch auf den Dialog mit Rechtsradikalen eingelassen zu haben.
Um von Hadayatullah Hübschs Haus in Zeilsheim zur Nuur-Moschee in den Frankfurter Süden zu gelangen, muss man quer durch die Stadt fahren. Hinter dem Lokalbahnhof nimmt man den Bus bis zur Endstation Heinerweg, vorbei am Großen und am Kleinen Hasenpfad bis zum Waldcafé. Als die Nuur-Moschee 1959 errichtet wurde, stand hier nur Wald. Heute ist sie umgeben von Einfamilienhäusern. Weit und breit war die Moschee die einzige, aus ganz Süddeutschland kamen Muslime zum Gebet angereist. Die Minarette dieser Moschee sind niedriger als die Bäume in der Umgebung, und en miniature scheinen sie niedlich. Ein etwas Englisch sprechender älterer Herr im braunen Kaftan, „der Hausmeister“, wie Hübsch bemerkt, öffnet den Seiteneingang.
Wir sind angemeldet. Ein kurzer Gang führt über einen Nebenraum in den Hauptsaal. Der Gebetsraum misst vielleicht fünfzig Quadratmeter, Neben- und Hauptraum sind mit blaugrünem Teppich ausgelegt. An einem Seitenrund steht eine kleine Holzkanzel. Von der spricht der Imam Hübsch auf Deutsch jeden Freitag gegen ein Uhr mittags, später wird dann das geistliche Oberhaupt, der Kalif aus London, über Ahmadi-TV zugeschaltet. Auf Urdu spricht er, in der pakistanischen Landessprache, deutsche Untertitel helfen, ihn zu verstehen. In London befindet sich seit 1984 der Exilsitz der aus Pakistan vertriebenen islamischen Reformbewegung.
Hübsch ist seit über zwanzig Jahren als Laienprediger zuständig für die Frankfurter Nuur-Moschee. Ein Ehrenamt, wie er sagt, getrennt von seinem Halbtagsjob als Berater und Pressezuständiger der Gemeinde. Natürlich habe der Kalif in London einen größeren Tiefgang als er, Hübsch sieht seine Zuständigkeit mehr bei den Alltagsproblemen der Leute, gibt Hilfestellungen bei Ehe- oder Integrationsfragen und Problemen mit den deutschen Behörden. Die Atmosphäre in der Moschee wirkt sehr entspannt. Das Ungewöhnlichste für deutsche Gäste ist schon, dass sie ihre Straßenschuhe am Eingang zurücklassen müssen. Wir sitzen also in Strümpfen bei Kaffee und Keksen auf weißen Plastikstühlen im zum Hauptraum offenen zweiten Andachtsraum.
Gläubige kommen und gehen und lassen sich durch unsere Anwesenheit nicht stören, auch wenn wir durch den Andachtsraum marschieren oder fotografieren. Die meisten der in Deutschland lebenden Ahmadis stammen aus Pakistan und dem angrenzenden Gebiet in Indien. Geflohen waren sie vor den Angriffen sunnitischer Extremisten. Orthoxen Islamvertretern gelten Ahmadis als Häretiker, als Abweichler und werden entsprechend brutal verfolgt. Die Religionsgemeinde propagiert einen toleranten Islam und lehnt mittelalterlichen Quatsch wie den Dschihad ab.
Auf Druck der sunnitischen Geistlichkeit wurde sie 1974 vom pakistanischen Parlament zur nichtmuslimischen Religionsgemeinschaft erklärt, was wie schon 1953 zu einer Welle der Gewalt gegen sie führte. Seit 1984 ist den Ahmadis jegliche Missionstätigkeit in Pakistan verboten, ihre Moscheen wurden geschändet und niedergebrannt.
Die Glaubensgemeinschaft lebt heute über die ganze Welt verstreut und hat in Deutschland ungefähr 33.000 Mitglieder, darunter auch einige Konvertiten wie Hübsch. Zurzeit ist die Ahmadiyya-Gemeinde dabei, die erste Moschee auf dem früheren Staatsgebiet der DDR zu errichten, am Stadtrand von Ostberlin – gegen anfänglich massive Anwohnerproteste.
Zurück in Zeilsheim/Hoechst. Hübsch hat die Jinnahkappe wieder abgenommen, die Kopfbedeckung, welche in Pakistan von gutsituierten Leute getragen wird. Und die steht Hübsch gar nicht übel. Sein Schreibtisch ziert eine alte Elektroschreibmaschine, mit der er seine Korrespondenz erledigt. Ihr Schriftbild hat etwas Romantisches. Vom grauen Plastikrahmen eines Computerbildschirms, das Modell könnte noch aus der alten BRD stammen, hebt sich der Aufkleber ab: „Liebe Für Alle, Hass Für Keinen! Ahmadiyya.de“.
Hübsch war als Hippie ein Romantiker und ist dies auch als Ahmadi geblieben. Ein Romantiker in den Emanzipationsgrenzen seiner Zeit, was seinen privaten Lebensalltag betrifft. So sagt der inzwischen mehrfache Großvater: „Toleranz bedeutet, gewisse Unterschiede in der Ehe auszuhalten.“ Seine Frau möge zum Beispiel keinen Fisch oder könne die Unordnung in seiner Klause nicht verstehen. Doch, meint er verschmitzt, auch der Prophet habe Hausarbeit gemacht, und er tue es ihm gleich. Nur bei Verrichtungen wie dem Wickeln von Kleinkindern passe er. Dafür sei er treu – und fügt hinzu: Glück sei nach Walter Benjamin, seiner selbst ohne Schrecken inne zu werden.
„Eines Tages veranstaltete Lippmann & Rau ein Konzert mit den Doors“, erinnert sich Hübsch in seinem autobiografischen Bericht „Keine Zeit für Trips“ an das Jahr 1968. „Ich stürmte die Bühne mit Händen voller Fünfpfennigstücke und schmiss sie Morrison ins Gesicht; keine Ahnung, ob er gemerkt hat, wie ich ihm da den Kapitalismus ins Gesicht geschleudert hatte, gimme some money, man, money is all I need.“ Hübsch war keine Randfigur der Achtundsechzigerbewegung, sondern, das betont er, einer ihrer Macher. „Ich versuchte in der Szene zu vermitteln zwischen Kunst und Politik“, sagt er in einem Hörspiel von 1971, das auch eine kleine Musikgeschichte des damaligen Undergrounds beinhaltet.
„Die Szene“, das war für ihn vor allem die von Frankfurt/Main 1968 und die einiger weniger Metropolen wie in Hamburg oder Westberlin. Hübsch war über die Ostermarschbewegung, Kriegsdienstverweigerung, die Beatniks und den französischen Existenzialismus inspiriert worden. War Programmleiter des Club Voltaires in Frankfurt, bis die dortige SDS-Linke mit den alkoholfeindlichen Hippies brach. Hübsch gründete daraufhin 1968 mit seinen Freunden den „Heidi loves you shop“ im Frankfurter Westend. Man sammelte Drogenerfahrungen und hörte psychedelische Westcoastbands. Das war noch vor dem Erscheinen des Weißen Albums der Beatles im November jenen Jahres. In einem Brief erklärte Hübsch dem Stern, wie die Bewegung durch Drogenexperimente gedachte, Bewusstsein und Existenz zu erweitern: ein Mittler auch in dieser Hinsicht.
Über die Düsseldorfer Kunstszene war das erste Stroboskop nach Frankfurt in den „Heidi loves you shop“ gelangt. Der damals 25-jährige Schüler Theodor W. Adornos und Anführer des Frankfurter SDS, Hans-Jürgen Krahl, pflegte hier zu den Klängen von Grateful Dead oder Jefferson Airplane sein Feierabendbier zu trinken. Hübsch selbst konsumierte „bewusstseinserweiternde“ Substanzen, aber strikt keinen Alkohol.
Der Veteran erzählt gerne von der früheren Zeit und bietet dabei eine Mohawkzigarette aus einer roten Packung an – Tabak ohne künstliche Aromen oder Zusatzstoffe. Gemütlich fläzt er sich in seinem schwarzen Bürostuhl. Fast vierzig Jahre nach seinem letzten Trip werde er immer noch von Halluzinationen heimgesucht, erlebe Bildwanderungen oder akustische Phänomene, die tatsächlich auf keine erklärbaren Quellen wie eine Radiosendung zurückzuführen seien. Gegen diese Flashbacks, Hübsch nennt sie Mondegreens, helfe ihm das Rauchen.
Die Drogen wären ihm 1968 fast zum Verhängnis geworden. Nach dem Attentat auf Dutschke zu Ostern kam es immer öfter zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei. Immer seltener hatten sie einen ironischen Unterton wie bei der „Kuchenschlacht“ ums Café Laumer, als die Frankfurter Hippieszene sich mit dem dortigen Hausverbot nicht abfinden wollte. Die Polizei schloss den „Heidi loves you shop“, und immer häufiger reiste ein von der Frankfurter Szene gelangweilter Hübsch nach Westberlin.
Dort, in der Kommune 1, war der Dichter und Musiker mit seinen immensen Drogenvorräten sehr willkommen. Retrospektiv zeigt er sich schwer genervt über „die Tyrannei von Dieter Kunzelmann“ oder „die Wehleidigkeit und das Gehabe“ eines Rainer Langhans. Hübsch gehört zu der ersten und letzten heroischen Generation, die dachte, alles unmittelbar an sich selbst versuchen zu müssen: Probier dich aus! Zum Jahreswechsel 1968/69 schluckte er eine Überdosis LSD, trieb durch die Stadt und fand sich schließlich in Bonnys Ranch, wie die geschlossene Abteilung der Berliner Psychiatrie genannt wurde, wieder.
Ein Anwalt des Luchterhand Verlages holte ihn zwei Wochen später raus. „Durch Überdosis und Klinikbehandlung war ich völlig desolat.“ Zurück in Frankfurt, sagte ihm die RAF-Militante Astrid Proll, dass „der Kunzelmann jetzt Ede heißt und untergetaucht“ sei. Statt zum Heroin zu greifen oder sich dem bewaffneten Untergrund anzuschließen, reiste Hübsch erschöpft nach Marokko und fand dort die religiöse Erweckung. „Völlig entblößt und einen Rosenkranz mit der Figur des gekreuzigten Jesus um seinen Hals rannte er in die Steppe. Eine unsichtbare Kraft hielt ihn fest und aus seiner Brust kam das Gebet: O Allah, bitte reinige mich! Es war eine Art Offenbarung, und eine mächtige Kraft sprach durch ihn.“ So lässt er auf der Ahmadiyya-Webseite seine Errettung durch Allah den Allmächtigen schildern. Als guter Künstler hatte er immer schon Sinn für Pathos.
Vom Rande der Gesellschaft her sieht vieles anders aus. Hübsch, der in binationaler Verbindung lebende Schriftsteller und Imam aus der Frankfurter Vorstadt, hat diese Perspektive freiwillig gewählt. So freiwillig, wie die Biografien von Einzelnen es nun einmal zulassen. Der Paul-Gerhard aus dem Hessischen, der zum Hadayatullah wurde und bei dem sich heute viele oft fragen, wie er denn zu seinem deutschen Nachnamen kam. Ach, dieses Deutsche?
Das deutsche Thema war in mir exemplarisch angelegt“, sagt er. „Mein Vater ist mit dem Ende des Kriegs verstummt“, habe nicht über den Nationalsozialismus und seine Managertätigkeit bei der AEG in Chemnitz gesprochen. „Er war natürlich in der Partei. Ich hab ja die Fotos gesehen, da liefen die ja mit Hakenkreuzen herum.“ Der Vater sei „innerlich verkrüppelt“ gewesen, auch wenn dieser ihn geliebt habe.
Die Frankfurter Auschwitzprozesse konfrontierten den Jugendlichen Paul-Gerhard 1963 – und mit ihm eine erste vollständig mit der Demokratie aufwachsende Generation – in Deutschland mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. „Ich sah die Berge von Haaren auf den Fotos, die Goldkro- nen und die Brillenberge. Ich war fer- tig mit den Leuten, mit der älteren Generation konnte ich nichts mehr anfangen.“
Die unmittelbare Rebellion über Drogen und außerparlamentarische Opposition kostete ihn fast den Verstand, über den Islam und die Ahmadiyya-Flüchtlingsgemeinde konnte er die Distanz zur normalen Gesellschaft wahren, bei gleichzeitigem persönlichem Wohlbefinden.
Aber das würde er, Hadayatullah Hübsch, der Spiritualist, natürlich niemals so profan formulieren.
Quelle: taz.de
John Ruskin
bekommen, sondern das, was wir dadurch werden.
John Ruskin (1819-1900), englischer Schriftsteller, Maler, Kunsthistoriker und Sozialphilosoph
Khalil Gibran
„Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann. Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie, auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstet.“ (Khalil Gibran, Der Prophet, Von der Liebe)
„Wie die Samen, die unter der Schneedecke träumen, träumen eure Herzen vom Frühling. Vertraut diesen Träumen, denn in ihnen verbirgt sich das Tor zur Unendlichkeit.“ – Der Prophet
„Als ich meinen Schmerz auf den Acker der Geduld pflanzte, brachte er die Frucht des Glücks hervor.“
„Am Grunde des Herzens eines jeden Winters liegt ein Frühlingsahnen, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.“
„Auge um Auge – und die ganze Welt wäre blind.“
(Original engl.: „An eye for an eye, and the whole world would be blind.“)
„Das Augenfällige wird immer erst gesehen, nachdem es einer in schlichte Worte gefasst hat.“
„Die geheimsten Tränen suchen nie unsere Augen.“
„Du magst denjenigen vergessen, mit dem du gelacht hast, aber nie denjenigen, mit dem du geweint hast.“
„Du musst durch die Nacht wandeln, wenn du die Morgenröte sehen willst.“
„Ein Buch ist wie ein Garten, den man in der Tasche trägt.“
„Euer Leib ist die Harfe Eurer Seele.“
„Ich habe Stille von den Redseligen, Toleranz von den Intoleranten, und Liebenswürdigkeit von den Lieblosen gelernt; doch seltsamerweise bin ich undankbar gegenüber diesen Lehrern.“
Original engl.: „I have learned silence from the talkative, toleration from the intolerant, and kindness from the unkind; yet strangely, I am ungrateful to these teachers.“)
„In jedem Winter steckt ein zitternder Frühling, und hinter dem Schleier jeder Nacht verbirgt sich ein lächelnder Morgen.“
„Mit einer Weisheit, die nicht zu lachen versteht, einer Philosophie, die keine Tränen kennt und einer Größe, die sich nicht vor Kindern verneigt, wollen wir nichts mehr zu tun haben.“
(Original engl.: „Keep me away from the wisdom which does not cry, the philosophy which does not laugh and the greatness which does not bow before children.“)
„Vertrauen ist eine Oase im Herzen, die von der Karawane des Denkens nie erreicht wird.“
„Wenn Du richtig arbeitest, dann ist es, als wenn Du Fäden der Liebe in das Tuch webst, die Dein Geliebter tragen soll.“
Irischer Segensspruch
Möge dein Weg immer eben sein. Möge dir der Wind immer im Rücken sein.
Möge dir die Sonne das Gesicht wärmen und der Regen sanft auf deine Felder
riseln, und möge GOTT, bis wir uns wiedersehen…schützend seine Hand über
dich halten.
(Irischer Segensspruch)
Khalil Gibran
Der Chemiker, der aus den Elementen seines Herzens Leidenschaft, Achtung,
Sehnsucht, Geduld, Bedauern, Überraschung und Vergebung ausscheiden und in einer Verbindung zusammenbringen kann, hat das Atom geschaffen, das Liebe
heisst. (Khalil Gibran)
Martin Luther King
Wenn ein Mensch nichts gefunden hat, für das er sterben würde, so ist er auch nicht fähig zu leben. (Martin Luther King)
Kintaro
Die Agonie der Sorge ist edler, als das schmähliche Freudengeheul des Truges. (Kintaro Oe?)
Al-Ghazali
Aber ein Tag der Enthaltung von der Tugend führt zum nächsten, und dann
verdirbt die Seele allmählich bis sie in Trägheit versinkt. (Al-Ghazali)
Selene
Und jede Nacht im Universum
tanzen Seelen – Wirbelsturm
Glitzerregen – sonnengleich
Lichtspiele und Farbenpracht
sanft und voller Leidenschaft
Kristallklares Lachen dringt von entfernt
als Echo in die Ewigkeit.
Und kommt die Dämmerung
so sinken sie zurück zur Erde
Du öffnest Deine Augen
und schaust verwirrt
aus welcher Richtung Du den Klang vernahmst.
(c) Selene